Widersprüche in der Personalversorgung
Wie jedes Jahr zum Schuljahresbeginn wurde die Senatorin für Kinder und Bildung zum aktuellen Stand der Unterrichtsversorgung befragt. Frau Aulepp zeigte sich in der Pressekonferenz am 7.8.24 zufrieden damit, dass man die Versorgung der Schulen mit Lehrkräften habe verbessern können. Ihre Beschäftigten mögen sich verwundert die Augen reiben, entspricht diese Darstellung doch so gar nicht der mehrheitlichen Wahrnehmung an den Schulen. Wir versuchen uns daran, diesen Widerspruch einzuordnen.
Leichte Verbesserung bei einer Kennzahl
Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass sich die Zahl der Lehrkräfte an Stadt-Bremer Schulen wohl tatsächlich erhöht hat. Zumindest liegen uns Zahlen für die verfügbaren "Lehrerwochenstunden" (LWS) vor: von 107.482 im vergangenen Schuljahr sind diese auf 114.990 gestiegen, ein Anstieg um rund 7500 Unterrichtsstunden pro Woche (plus 7 Prozent). Damit stehen mehr zusätzliche Unterrichtsstunden zur Verfügung als durch Zuwachs an Schüler:innen (plus 1100, das entspricht ca. 1,5 Prozent) allein nötig wäre.
Die Unterrichtsversorgung, also wie viel Prozent der notwendigen Lehrerwochenstunden auch tatsächlich zur Verfügung steht, ist damit von 95,6 auf 97,5 Prozent gestiegen (plus 1,9 Prozent). Das bedeutet, dass es weniger Unterrichtsstunden gibt, bei denen jetzt schon klar ist, dass sie ausfallen oder durch Mehrarbeit ausgeglichen werden müssen.
In wesentlichen Punkten weiterhin große Probleme
- Hieraus erklärt sich die Zufriedenheit der Senatorin. Allerdings sind nicht alle Schulen so ausgestattet: Die Versorgung in der Region Bremen Nord beträgt nur 90,7 Prozent. Ein Konzept, wie diesem Missstand begegnet werden kann, können wir nicht sehen.
- Ebenfalls besonders schlecht ist die Versorgung an Grundschulen in der Region Bremen West (92,5 Prozent).
- Beschämend schlecht sind die Förderzentren mit 92,1 Prozent ausgestattet. Hier sind für Kinder mit zum Teil erheblichem Förderbedarf (z. B. schwer mehrfach behinderte Kinder) sogar Studierende, also nicht fertig ausgebildete Personen mit 121 LWS eingesetzt!
- Generell ist das selbst ausgegebene Ziel der Behörde eine Versorgung mit 105 Prozent (nicht 100 Prozent), damit Ausfälle durch Krankheit, Schwangerschaften oder Fortbildung nicht zulasten des Unterrichts gehen. Tatsächlich notwendig wären sogar mehr, etwa 110 Prozent.
Der Mangel in der Unterrichtsversorgung beträgt also im Mittel nicht gut 2 Prozent, sondern eher 12 Prozent!
- Für den Unterricht werden im großen Maßstab nicht voll oder sogar noch gar nicht ausgebildete Lehrkräfte eingesetzt (Stand 5.8. ca. 3400 LWS über Stadtteilschule. Das entspricht 3 Prozent. Die Zahlen sind hier noch nicht vollständig eingestellt.) Eine Notmaßnahme, die das Risiko von unvollständiger Ausbildung und früher Überlastung in Kauf nimmt und natürlich zu Abstrichen in der Unterrichtsqualität führt - oft an Brennpunkt-Schulen, die eigentlich besonders gut ausgebildetes Personal brauchen.
- Die "Unterrichtsversorgung" wird nur für Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen ausgegeben. Es fehlen Zahlen zu Berufsbildenden Schulen, an denen immerhin beinahe ein Drittel der Schüler:innen unterrichtet wird, sowie zu den ReBUZ. Eine getrennte Auflistung der für die Inklusion benötigten Sonderpädagog:innen wird nicht bereit gestellt.
- Ebenfalls fehlen Zahlen zu anderen Berufsgruppen, die zunehmend wichtig für den Bildungserfolg werden: nicht-unterrichtendes pädagogisches Personal, Verwaltungskräfte, Systemische Assistenzkräfte. Entweder kennt die Senatorin diese Zahlen nicht, oder sie hält sie für nicht mitteilenswert.
- Besonders bedenklich wirkt vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass die Gelder für die Systemischen Assistenzkräfte angesichts der Haushaltssperre noch nicht gesichert scheinen, auch für das aktuelle Schuljahr nicht!
- Der Bedarf an Fachkräften, insbesondere Lehrkräften ist zudem in Wirklichkeit noch viel höher, wenn man wirklich eine bessere Bildung anstrebt. So erfordern pädagogische Konzepte wie kleinere Klassen, geringere Unterrichtsverpflichtung (Deputat), im Gegenzug mehr Kooperationszeiten, Doppelbesetzungen in Grundschulen (40 statt 150 Stellen) oder eine ausreichende Ausstattung der Inklusion noch einmal deutlich mehr Personal. Diese meisten dieser Projekte können in diesem Schuljahr und auf absehbare Zeit nicht oder nur unzureichend bedient werden.
Fazit
Das Empfinden der Beschäftigten trügt nicht. Einer sehr geringen Verbesserung in der Unterrichtsversorgung einiger Schulen mit Lehrkräften steht ein weiterhin massiver Mehrbedarf an Personal gegenüber, der in diesem Schuljahr nicht einmal ansatzweise bedient werden konnte. Weitere erhebliche Anstrengungen in der Ausbildung von Personal und Finanzierung des Bildungswesens sind in den nächsten Jahren notwendig.